Kurzvorstellung der Mitglieder (in alphabetischer Reihnfolge)

Jan-Tobias Doerr (Luxemburg) untersucht in seinem Dissertationsprojekt das Zusammenspiel politischer Initiativen in der Luxemburger Gemeinde Beckerich aus Perspektive der Site Ontology. Energiekooperativen, Regionalwährung, CSA Projekte und andere werden hierbei als Konstellationen von Praxisarrangement-Bündeln verstanden und ihre wechselseitigen Beziehungen erforscht. Über die Q-Methode soll sich den General Understandings innerhalb der Initiativen und der teleleogischen Struktur des sozialen Phänomens der nachhaltigen Gemeindeentwicklung hermeneutisch angenähert werden. Endogene Aspekte der Gemeindeentwicklung werden als Prozesse sozialen Lernens aufgefasst, während die Diffusion politischer Ideen nach und aus Beckerich als Policy Mobility verstanden werden.

Florian Dünckmann (Kiel) beschäftigt sich mit den politischen Dimensionen von Praktiken. Die Kritik an der Leerstelle des „Politischen“ in Schatzkis Theorie nimmt er zum Anlass, das Verständnis politischen Handelns von Hannah Arendt und die agonistische Theorie für die Praktikentheorie fruchtbar zu machen. Auf der einen Seite sind politische Praktiken Teil des heterogenen Netzes alltäglicher Praktiken; auf der anderen Seite stellen sie reflexive Praktiken der Freiheit dar, die darauf abzielen, die Regeln von Praktiken ihrerseits zu verändern. In einem aktuellen Forschungsprojekt analysiert er mit Hilfe dieser Theorie politischer Praktiken das Konzept der Ernährungssouveränität, das u.a. bereits in der Verfassung Boliviens verankert ist (Dünckmann und Fladvad im Druck).

Jonathan Everts (Dresden) beschäftigt sich seit seiner Dissertation (Everts 2008) mit Theorien sozialer Praktiken. Er hat sich insbesondere mit der Site Ontology von T. Schatzki auseinandergesetzt und sie ist Grundlage und Ausgangspunkt für zahlreiche Publikationen (z.B. Everts et al. 2011, Everts 2009, 2013, 2015). Er koordiniert derzeit ein Themenheft mit Beitrag von Schatzki für die Geographische Zeitschrift und ein weiteres zu Praktikentheorie für die geographica helvetica (gem. mit T. Elrick). Sein aktuelles Forschungsprojekt („Food, Convenience and Sustainability“) gemeinsam mit Kollegen aus Großbritannien, Dänemark und Schweden ist ebenfalls geprägt durch eine gemeinsame praktikentheoretische Perspektive.

Fabian Faller (Kiel) erforschte in seiner wirtschaftsgeographischen Dissertation räumliche Praktiken der Energiewende. Er konzeptionierte Transformationen als Wandel von Praktiken und griff dabei die Praxis- bzw. Handlungsbegriffe von Elizabeth Shove sowie Benno Werlen auf, die er mit der Transformationsforschung in Verbindung brachte. In einer aktuellen Veröffentlichung (Faller 2015) diskutiert er den Mehrwert von Praktikentheorien für die sozio-technische Transformationsforschung. In seinem beginnenden Habilitationsprojekt setzt er sich aus wirtschaftsgeographischer und praktikentheoretischer Perspektive mit dem Wandel regionaler „grüner“ Wirtschaftsstrukturen auseinander und greift dabei explizit auf Schatzkis Praktiken-Arrangements-Bündel zurück.

Klaus Geiselhart (Erlangen) vergleicht seit einigen Jahren die Praxis- und Praktikentheorien verschiedener Gesellschaftstheoretiker. Eine Philosophie der Praxis, wie sie der klassische Pragmatismus entwirft, geht aber weit über diese Entwürfe hinaus. Demnach ist Praxis mehr als konventionalisierte Praktiken, denn sie ist in ständiger Veränderung begriffen. Sie umfasst die Regelhaftigkeit (Universalie) ebenso wie den Einzelfall (Singularität). Zudem ist Theorie nicht etwas der Praxis Äußerliches sondern dieser immanent.

Dominik Haubrich (Berlin/Kiel) beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Herausforderungen und Potentialen verschiedener Governance-Felder der Stadt. In seiner Dissertation setzt er sich mit der Frage auseinander, warum sich Menschen zunehmend unsicherer fühlen, obwohl sie sich immer stärker absichern (Haubrich 2015). Mit der Praktikentheorie nach Schatzki war ihm auf seiner Erkenntnisreise durch den Alltag der urbanen Mittelschicht in Brasilien eine passende Werkzeugkiste über den Weg gelaufen, die er für seinen Blick auf „normale“ Phänomene sozialer Ordnung seither sowohl theoretisch als auch methodisch zum Einsatz bringt. Seit jüngerer Zeit wendet sich Dominik als Forscher und Sozialunternehmer den stadtpolitischen Fragen der Migration und Integration zu und entwickelt mit seinem Team lokale Umsetzungsstrategien der interkulturellen Teilhabe und Begegnung.

Lars Krähnke (Münster): Wir leben in einer Welt, in der (Waren-) Mobilität einen immer höheren Stellenwert einnimmt. Dennoch ist dieses Thema erstaunlicherweise bisher kaum in den Fokus der sozialwissenschaftlichen Debatte gerückt. Diese Leerstelle adressierend untersucht Lars Kraehnke am Beispiel von LKW-Fernfahrer*innen, wie in einer hochmobilen Lebenswelt, die von außen zunächst als Aneinanderreihung vorgefertigter time-space-scripts erscheinen mag, mittels teilweise ganz alltäglicher Praktiken individuelle Freiheiten erkämpft und Machtrelationen neu verhandelt werden. Dazu greift er auf die politische Philosophie Hannah Arendts sowie die Akteur-Netzwerk-Theorie von Bruno Latour zurück, um die praktischentheoretischen Überlegungen Theodore Schatzkis um einen (bisher fehlenden) Machtbegriff konzeptionell zu erweitern.

Matthias Lahr-Kurten (Kaiserslautern) beschäftigt sich seit 2008 mit Praktikentheorien und hat durch zahlreiche konzeptionelle und empirische Vorträge sowie einige Publikationen (z.B. Everts, Lahr-Kurten & Watson 2011) dazu beigetragen, v.a. Schatzkis Site Ontology in der deutschsprachigen Geographie bekannter zu machen. In seiner Dissertation (Lahr-Kurten 2012) setzte er die zu Unrecht oft auf einer „Mikro“ebene verortete Praktikentheorie für das (bi-)nationale Thema der Förderung der deutschen Sprache im französischen Bildungssystem in Wert. Seit 2011 hat er anhand des Beispiels von Frühgeborenenintensivstationen die Konstitution von Orten untersucht und hierbei die Site Ontology mit Hilfe anderer Sozialtheorien konzeptionell erweitert.

Jens Reda (Kiel) beschäftigt sich mit der Entwicklung ländlicher Räume und der Bedeutung zivilgesellschaftlichen Engagements in diesem Kontext. In seiner Dissertation nutzt er eine praktikentheoretische Perspektive nach Schatzki und Reckwitz, um das Verhältnis von Praktiken zivilgesellschaftlichen Engagements in der Daseinsvorsorge und Alltag näher zu beleuchten. Dabei fungiert Alltag als ‚Denkfigur‘, um die Ausgestaltung sowie Einbettung von Engagementpraktiken in die gelebten Erfahrungen und alltäglichen Handlungsroutinen von Engagierten in den Blick nehmen zu können. Die Positionierung von Alltag als analytisches Konzept ermöglicht es somit, sowohl die raumzeitlichen als auch affektiven Dimensionen sozialer Praktiken differenziert herauszuarbeiten sowie ihre Dynamiken aufzuzeigen. Gleichzeitig wird so auf die mangelnde Konzeptionalisierung von Alltag in aktuellen praktikentheoretischen Studien reagiert.

Simon Runkel (Heidelberg) hat sich in seiner Dissertation mit Crowd Management beschäftigt. Dabei fokussierte er zum einen die Ereignishaftigkeit des Sozialen in Menschenmassen und zum anderen interorganisationalen Praktiken der Unfallvermeidung und der Herstellung von „Sicherheit“ bei Ereignissen mit Menschenmassen. Von Interesse sind in seiner Arbeit dabei insbesondere Nachahmungshandlungen, wie sie von Gabriel Tarde (2009) als konstituierend für das Soziale erkannt wurden, gewesen. Die Verbindung der Tarde’schen Begriffe von Imitation, Innovation und Opposition mit praktikentheoretischen Ansätzen verheißt neue Blickpunkte auf die Konstitution des Sozialen. In diesem theoretischen Schnittbereich bereitet er derzeit ein Habiliationsprojekt vor, das sich u.a. mit politischen Geographien des Anarchismus und Praktiken gegenseitiger Hilfe beschäftigt.

Susann Schäfer (Jena) forschte im Rahmen ihrer Disseration zu Praktiken von „policy mobilities“ im Rahmen von Klimawandelanpassung in Südkorea (Schäfer 2015a). Dabei sie hat – unter Rückgriff auf die Akteur-Netzwerk Theorie – untersucht, wie Praktiken von südkoreanischen Politikern die Entstehung und Implementierung von politischen Ideen und Programmen konstituieren. In ihrem Habilitationsprojekt konzentriert sie sich auf Praktiken von israelischen Unternehmensgründern aus dem IT Sektor, die außerhalb ihres Heimatlandes Startups gründen, und die von ihnen beeinflussten transnationalen Wissensflüsse und Verflechtungen. Dabei geht es auch um die Frage, inwiefern Unternehmenspraktiken von transnational agierenden Migranten Gründungsprozesse in räumlich konzentrierten Ballungen von Startups (sog. „Startup-Ökosysteme“) prägen und welche wirtschaftlichen (intendierten und nicht intendierten) Effekte damit verbunden sind.

Benedikt Schmid (Luxembourg) arbeitet in seiner Dissertation zur Diversität wirtschaftlicher Praktiken. Ausgehend von einem anti-essentialistischen Wirtschaftsbegriff versucht er verengte Repräsentationen von Wirtschaft zu überwinden. Ein praxistheoretischer Zugang erlaubt ihm dabei die Vielfalt, Komplexität, Ambivalenz und Widersprüchlichkeit tatsächlich existierender wirtschaftlicher Praktiken zu konzeptualisieren. Sein Interesse gilt insbesondere ‚nicht-kapitalistischen’ sowie ‚mehr-als-kapitalistischen’ Unternehmungen. Neben der Sichtbarmachung der Diversität stehen – u.a. in Anknüpfung an Postwachstumsdebatten – Verschiebungen von Logiken der Gewinnmaximierung hin zu sozialen und ökologischen Belangen im Fokus.

Christiane Stephan (Bonn) beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit sozialen Praktiken und insbesondere den Verknüpfungen zwischen sozialen Praktiken anhand des empirischen Beispiels Hochwassermanagement im Süden Mexikos (Chiapas). In der Auseinandersetzung mit Materialität und sozialen Praktiken auf Basis der Arbeiten von Theodore Schatzki beleuchtet ihre Forschung u.a. verschiedene Begriffe und empirische Entsprechungen von Zeit (temporalities). Darüber hinaus setzt sie sich mit dem Konzept der riskscapes (Müller-Mahn & Everts 2012) auseinander und zeigt spezifische räumliche Praktiken des Risiko-machens in ihrer Fallstudie auf. Sie prüft einen methodischen Zugang zu Praktiken und Materialität über (audio-)visuelle Medien.

Laura Nkula-Wenz (Kapstadt) beschäftigte sich in ihrer Dissertation mit der stadtpolitischen Verhandlung des Kreativitätsdispositivs aus einer postkolonialen Perspektive. Hierbei nahm sie am Beispiel Kapstadts auch unterschiedliche Praktiken des Regierens sowie des Politikmachens kritisch in den Blick und verband in ihrer Analyse den postkolonialen Stadtforschungsansatz des „worlding“ (Ong und Roy 2011) mit der Diskussion governementalitäts- und praxistheoretischer Denkrichtungen. Als Promotionsstipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes organisierte sie im Juli 2012 bereits ein durch die Stiftung finanziertes interdisziplinäres „Lektürekolloquium zum Feld der Praxistheorie(n)“ an der Universität Münster.

Christine Wenzl (Bonn) befasst sich in ihrer Dissertation mit Kantinen als Orte alltäglicher Aushandlungen sozialer Praktiken des Essens im Arbeitsalltag. Im Zentrum der empirischen Forschung steht dabei das Zusammenspiel aus Bündeln verorteter Praktiken rund um die Kantine wie Essen in Gemeinschaft, informelle Arbeitsgespräche, Organisation der Gemeinschaftsküche, Materialitäten von Lebensmittel, politische Regulierungen sowie Körperpolitiken. Theorien sozialer Praktiken bildeten auch die zentrale Forschungsperspektive für ihre Masterarbeit über mexikanische Migrant_innen in Bayern.

Jan Winkler (Erlangen) beschäftigt sich in seinem Promotionsvorhaben mit der lokalpolitischen „Regierbar-Machung“ von „Islam“ und „Muslimen“ und analysiert lokale Praktiken der Machtausübung. Diese gouvernementalitätstheoretische, an Foucault angelehnte Analyse führt dabei in Fragen hinein, die eine Verknüpfung machtanalytischer und praktikentheoretischer Perspektiven andenken lassen: Wie werden durch (routiniertes) Tun und Sagen gesellschaftliche Kräfteverhältnisse re-konfiguriert? Was ist das „Politische“ an Praktiken?  Welche Praktiken und materiellen Komponenten bestimmter Aktionskontexte werden bedeutsam für Prozesse gesellschaftlicher (Selbst-)Steuerung? So zeigte sich bspw. dass im kommunalen „Dialog mit dem Islam“ eine spezifische „Atmosphäre des Vertrauens“ praktiziert wird, die die verschiedenen Aushandlungsprozesse um „Islam“ transformiert. Hier wäre zu fragen, inwiefern praktikentheoretische Ansätze helfen könnten, die Konstitutionsbedingungen komplexer sozialer Phänomene zu begreifen, wie in etwa Atmosphären und deren Einbettung in Praktiken des Regierens.

Annika Zeddel (Erlangen) arbeitet sich in ihrer Dissertation an einem pragmatistischen Praxisbegriff ab, der es möglich macht, praktisches „Knowing-How“, emotionale Erfahrungen und Formen von (Selbst-)Reflexion in ihrem Verhältnis zueinander sowie als Momente eines praktischen Sozial-Erfahren-Werdens zu bestimmen. Alle drei Dimensionen (Können, Wissen, Fühlen) liegen demnach sozialen Praktiken zugrunde, können aber auch „gegeneinander arbeiten“ und zu Brüchen im Verlauf von Praxis führen. Die pragmatistische Perspektive schärft den Blick gerade für die fragile Performanz von Praxis, für die Möglichkeit zur Entstehung von neuen Praktiken und Formen kreativer Reflexion  und die damit verknüpften emotionalen Prozesse. Sie erschließt Perspektiven auf die Emotionalität von Wissen/Macht sowie auf die Bedeutung von Gefühl(en) gerade für Prozesse von (politischer) Identitätsbildung.